Viel Halbwissen macht derzeit die Runde, wenn es um das Thema Inklusion geht. Was genau der Begriff im Zusammenhang mit Schule bedeutet, welche Formen von Inklusion in Schulen wie umgesetzt werden sollen, und welche Schulen davon überhaupt betroffen sind, soll im folgenden erklärt werden.

Die gesetzliche Lage

Bislang war es so, dass Kinder mit körperlichen, geistigen oder sozialen Defiziten zwar in einen Regelkindergarten gehen konnten, aber oft an sonderpädagogische schulische Einrichtungen verwiesen wurden. Theoretisch war es durchaus möglich, dass junge Menschen mit Behinderungen an regulären öffentlichen wie auch privaten Schulen unterrichtet wurden, praktisch lag es jedoch immer im Ermessen von Schule und Eltern, ob dies wirklich stattfinden konnte. Wenn sich Schule und Lehrkräfte zutrauten, ein Kind im Rollstuhl, ein autistisches Kind oder ein Kind mit Trisomie 21 im normalen Unterricht zu begleiten, stellte das nie ein Problem dar.  Aus diesem Sachverhalt heraus (der in anderen europäischen Ländern genauso oder ähnlich gegeben ist) und aufgrund des Grundgesetzes, das jede Benachteiligung aufgrund einer Behinderung ausschließt, wurde in der EU beschlossen, dass alle behinderten Kinder das Recht auf den gleichen Unterricht wie nicht-behinderte Kinder haben. Die Kinder sollen also, kurz gefasst, gemeinsam unterrichtet werden. Das soll die Integration und Akzeptanz benachteiligter Menschen in der Gesellschaft erhöhen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben inklusive Berufsausübung im Rahmen ihrer Möglichkeiten nahelegen. Nordrhein-Westfalen hat zum Schuljahr 2014/15 festgelegt, dass alle behinderten jungen Menschen ein Recht auf gemeinsamen Unterricht mit nichtbehinderten jungen Menschen. Das betraf erst einmal nur die Klassen 1 und 5, inzwischen ist die Inklusion in NRW auch in anderen Jahrgangsstufen angekommen.

Wer inkludiert wen an welcher Schule? Inklusion Schule generell?

Generell ist das langfristige Ziel die Abschaffung von sonderpädagogischen Förderschulen für Menschen besonderen Einschränkungen. Das betrifft also Grundschulen genauso wie alle weiterführenden Schulen. Allerdings wird es noch eine Weile dauern, bis die Vorgabe umgesetzt wurde, und das hat mehrere Gründe: Die meisten deutschen Schulen sind einfach nicht behindertengerecht gebaut. Barrierefreie Zugänge sollten in einer Gesellschaft, die alle integriert, selbstverständlich sein – die meisten Schulen haben nicht einmal einen Aufzug, Türen zu Unterrichtsräumen sind zu eng für Rollstühle, die Klassenzimmer lassen keinen Platz für Assistenz, und die Schultoiletten sind mit Gehhilfen nicht erreichbar. Umbaumaßnahmen sind nötig, und die müssen nicht nur finanziert, sondern auch organisiert und durchgeführt werden. Nicht jede Schule ist auf mehr als eine erwachsene Lehrkraft je Klassenzimmer eingestellt, neben dem mangelnden Platz geht es um Ausrüstungen wie zum Beispiel Stühle in Erwachsenengröße im Grundschulbereich.
Übrigens sollen alle Kinder inkludiert werden, nicht nur ruhige, in sich gekehrte Kinder mit besonderen Bedürfnissen, sondern auch alle Kinder mit sozialen und geistigen Behinderungen. Von den Lehrkräften fordert das viel Feingefühl und Lernwillen, die entsprechende Ausbildung ist in den meisten Fällen nämlich nicht gegeben. Fortbildungen werden nötig. Die Auflage zur Inklusion existiert für Deutschland übrigens seit 2009 – genügend Zeit für Universitäten, Dozenten bis hin zu jeder Grundschullehrkraft und angehende Lehrkräfte, sich damit auseinanderzusetzen. Im Düsseldorfer Landtag wurde der Beschluss im Oktober 2013 gefasst.

Erste Erfahrungen sind eher positiv

2013 liegt nun schon zwei Jahre zurück, und gerade weil die Inklusion vor dem großen politischen Spektakel so einfach im Alltag funktionierte, gibt es durchaus einiges an Erfahrungswerten. Viele Lehrkräfte berichten aus ihrem Alltag, dass es immer irgendwelche Mittel und Wege gibt, wenn man nur will. Da werden Kinder und Rollstühle in die oberen Etagen getragen, Sportfestspiele bekommen für die benachteiligten Kinder einen eigenen Parcours (der in den meisten Fällen von den nicht-behinderten Kindern ausdrücklich gewünscht und ausgearbeitet wird), Klassenfahrten werden an die Möglichkeiten aller Kinder angepasst, und Lehrkräfte arrangieren sich mit Integrationshelfern/-helferinnen, die sich in den Schulalltag einbringen.

Aber es gibt auch andere Stimmen. Da wird von schwierigen Situationen in viel zu großen und nun noch größeren und lauteren Klassen berichtet, da geht es um ein höheres Aggressionspotential in der Schülerschaft und um Eltern, die sich für ein bisschen Prestige durch sämtliche Instanzen klagen, um minderbemittelte Söhne und Töchter irgendwie auf ein Gymnasium zu bekommen – alles medienwirksam aufgezogen und breitgetreten. Das ist alles recht unschön, spiegelt aber insgesamt die Ängste wieder, die mit diesem Thema verbunden sind.

Angst vor dem Unbekannten

Diese Angst betrifft sowohl die Lehrkräfte als auch Schulleiter, Elternvertreter, Eltern und Kinder. Natürlich können hunderttausend Dinge schief gehen, selbstverständlich können Klassen unruhiger werden, Lehrkräfte mit benachteiligten Kindern überfordert sein und Mobbing zunehmen. Alles ist möglich – aber muss es deshalb auch immer zwangsläufig zum Schlimmsten kommen? Es ist scheinbar eine Eigenschaft der Deutschen selbst, immer den Teufel an die Wand zu malen anstatt erst einmal gute Voraussetzungen zu schaffen und das Unternehmen dann einfach anzugehen.

Im Fall der auf EU-Ebene geforderten und für Deutschland unumgänglichen Inklusion an Schulen wurde viel Zeit bereits vertan, ohne dass sich wirklich etwas in Sachen Vorbereitung getan hätte. Die Finanzierung von Umbauten, neuen Schulen, Fortbildungen und neuen Lehrkräften ist nicht sicher, und vor allem ist die Ausbildung der angehenden Lehrkräfte noch nicht an die neuen Herausforderungen angepasst worden. Überall da, wo es nötig ist, wird eine vorläufige Lösung gefunden, aber wirklich verändert wird nichts – so zumindest liest man es oft. Unter diesen Umständen ist es völlig verständlich, wenn Eltern sich gegen die Inklusion benachteiligter Kinder in den Regelschulen wehren.

Verschiedene Interessen treffen aufeinander

Behinderte Menschen vollständig in die Gesellschaft integrieren und ihnen eine gleichwertige Schulausbildung ermöglichen – ist das überhaupt möglich? Wenn man alle mit irgendeiner Art von Behinderung zusammen in eine Schule packt und alle anderen in eine andere Schule, wird es jedenfalls nichts. Dann ist die gelebte Chancengleichheit zwar in irgendeiner Art und Weise an der Förderschule vorhanden (weil da ganz verschiedene Menschen mit ganz unterschiedlichen Talenten und Benachteiligungen zusammenkommen), die „normalen“ Kinder sind aber separiert. Das kann also nicht funktionieren. Kann es gut gehen, wenn alle Kinder mit Benachteiligungen zu den anderen kommen, oder muss es umgekehrt funktionieren? So ganz sicher ist sich in Deutschland immer noch niemand, wie genau die perfekte Förderung aller Kinder aussieht.

Unser Bildungssystem bietet Chancengleichheit, oder?

Unser Bildungssystem bietet Chancengleichheit, oder?(Zum Vergrößern klicken)

Während es den einen um effizient gestaltete Unterrichtsstunden entlang strikter Lehrpläne geht, wollen die anderen die Schule als eine Schutzzone für ihre Kinder sehen, wo Kinder eben nach ihren Bedürfnissen und Kapazitäten gefördert und gefordert werden. Denkt man das zu Ende, kommt man bei dem alten Dilemma heraus: Ist Schule nun eine Anstalt, die Kinder möglichst schnell und einheitlich zu Wirtschaftsfaktoren für den Arbeitsmarkt macht, oder ist Schule der Ort, an dem Kinder ihren Platz in der Gesellschaft finden können, nachdem sie sich und ihre Persönlichkeit kennenlernen und entwickeln konnten? Das sind Grundsatzfragen, die mit ganz unterschiedlichen Konzepten, Schulsystemen, pädagogischen und didaktischen Richtungen verbunden sind und die in Deutschland spätestens seit den 1970er Jahren ohnehin koexistierten.

Der bayerische Ansatz

Schulunterricht kann umstrukturiert werden, wenn der Wille dazu da ist. So ist in Bayern angestrebt, dass es an den Schulen kooperative Klassen gibt, Partnerklassen und für die, die es wünschen und benötigen, im Förderzentrum der Schule besonderen Unterricht. Kinder aller Art gemeinsam zu unterrichten heißt nicht zwangsläufig, dass diese Kinder jede Unterrichtsstunde gemeinsam und im selben Klassenzimmer mit genau den gleichen Aufgaben und Arbeitsmaterialien verbringen müssen. Unterricht kann offener gestaltet werden, und vielerorts außerhalb Bayerns findet das auch schon statt. So ist es beispielsweise an den Grundschulen in Baden-Württemberg nicht unüblich, Kinder mit Defiziten in der deutschen Sprache während des regulären Deutschunterrichts in einem separaten Raum von einer Spezialkraft für DaF/DaZ (Deutsch als Fremd-/Zweitsprache) unterrichten zu lassen. Warum sollte dann das Kind mit krankengymnastischem Förderbedarf diesen nicht während der Sportstunde erhalten können? Inklusion ist in vielen bayerischen Schulen ins Profil geschrieben und wird auch tatsächlich umgesetzt, von der Grundschule über die weiterführenden Schulen bis hin zu den Berufsschulen. Verpflichtend für alle Schulen ist es nicht – Eltern haben also immer noch die Wahl, ob ihr Kind Inklusion erleben darf oder nicht. Das ist eine Möglichkeit, die Auflagen der EU umzusetzen und dennoch irgendwie für die, die es wünschen, alles beim alten zu lassen.

 

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