Die Schriften und die Lehrpläne

In Deutschlands Schulen wird die Schreibschrift nach und nach von einer Grundschrift abgelöst. Diese so genannte Grundschrift hat mehr Ähnlichkeit mit einer Druckschrift als mit einer Schreibschrift. Bezüglich Schriften gibt es jedoch keine einheitlichen Regelungen, die für das ganze Land gelten.

Insgesamt stehen derzeit vier verschiedene Schriften zur Auswahl und es bleibt den Schulen überlassen, für welche sie sich entscheiden. Dazu zählen die lateinische Ausgangsschrift sowie die Schulausgangsschrift, wobei es sich um verbundene Schreibschriften handelt. Bei der dritten Möglichkeit – der vereinfachten Ausgangsschrift – handelt es sich um eine Umstrukturierung der lateinischen Ausgangsschrift, was bedeutet, dass deren Buchstaben vereinfacht wurden. Die vereinfachte Ausgangsschrift ist der Druckschrift schon sehr ähnlich.

Die neueste Schriftform in Deutschlands Schulen ist die Grundschrift, die seit 2011 unterrichtet werden kann.

Bei der Grundschrift handelt es sich um eine Schrift, die aussieht wie Druckschrift, jedoch handgeschrieben wird.
Wenn die Kinder diese Schrift lernen, werden die Buchstaben nicht verbunden, später entwickeln sie jedoch daraus ihre individuelle – verbundene – Handschrift.
Die Grundschrift ist beispielsweise in den Lehrplänen Hamburgs und Hessens zu finden.

Handschrift adee - Postkarten gehören dann auch zur Vergangenheit

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Eine Schule ohne Schreibschrift?

In Finnland lernen Kinder, die ab Herbst 2016 die Schule besuchen, keine Schreibschrift mehr. Da das Handschreiben auch im Alltag immer mehr zurückgeht, erachtet es das finnische Bildungsministerium als sinnvoll, den Fokus auf flüssiges Tippen zu legen. Begründet wird dies weiterhin mit einem Argument, dass auch in anderen Ländern zuweilen aufgegriffen wird – der Prozess des Schreibenlernens stelle hohe Ansprüche an die Kinder und für viele sei es schwierig, die Buchstaben mit der Hand zu verbinden. Später könne dies zu Schreibblockaden und einer fehlerhaften Rechtschreibung führen. Die Verwendung eines Computers löse diese Schwierigkeit auf und ermögliche es den Kindern, sich verstärkt auf den Inhalt der geschriebenen Texte zu konzentrieren.
Finnland ist jedoch nicht das einzige Land, in dem die Schreibschrift aus den Schulen verdrängt wird. Ein weiteres europäisches Beispiel sind die Niederlande, wo die Zahl der Schulen, in denen es keine Bücher und Hefte mehr gibt, stetig zunimmt. Die Schüler und Schülerinnen arbeiten vom ersten Tag an mit iPads, womit sich die Frage nach der Handschrift sowieso erübrigt.
Die Schweiz stellt den Sinn der Schreibschrift ebenfalls immer öfter zur Diskussion. Außerhalb Europas verhält es sich nicht anders. In zahlreichen Bundesstaaten der USA lernen Kinder zum Beispiel nur ein Jahr lang das Schreiben mit der Hand, anschließend wechseln sie zum Tablet.

Auch in Kanada gibt es kaum noch Schulen, in denen eine Schreibschrift, die aus verbundenen Buchstaben besteht, gelehrt wird.

Die Handschrift im Fokus der Wissenschaft

In Deutschland gibt es bisher keine wissenschaftlichen Studien, die sich damit beschäftigen, was passiert, wenn Kinder keine Handschrift mehr erlernen. Untersuchungen in den USA und Kanada führten jedoch zu interessanten Ergebnissen. Eines davon ist die Tatsache, dass Kinder, die eine Schreibschrift beherrschen, sich den Inhalt von Texten leichter merken. Außerdem fällt es ihnen leichter, Textzusammenhänge herzustellen. Diese Erkenntnis steht im Gegensatz zur finnischen Annahme, die davon ausgeht, Kinder könnten sich durch die Verwendung eines Computers besser auf Textinhalte konzentrieren. Aus einer Studie der Universität Montreal lässt sich außerdem ablesen, dass Kinder, die zuerst eine Schreibschrift lernen, eine bessere feinmotorische Koordination aufweisen und ihre eigenen Texte nachvollziehbarer konstruieren.
Weitere Studien aus Frankreich und den USA belegen noch mehr Vorteile des Schreibens mit der Hand. Zum Beispiel braucht das Schreiben und Verbinden der Buchstaben auf Papier eine Handbewegung, die mehr Regionen im Gehirn aktiviert, als der Auswahlvorgang auf der Tastatur. Eine Folge davon ist, dass sich der Schreiber seine handgeschriebenen Texte leichter merkt. Handschreiben geht zumeist langsamer vonstatten als Tippen, aber gerade dieser Faktor fördert die Konzentration. Die eben genannten Beispiele betreffen nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene.

Fehlende Praxis und Studien zum Thema

Von vielen Wissenschaftlern wird bemängelt, dass es im deutschen Sprachraum keinen Modellversuch bezüglich der Schriftänderung gab. Deshalb sind die Folgen nicht absehbar und keiner kann mit Sicherheit sagen, wie sich das Konzept der Grundschrift auf Kinder auswirkt. Problematisch ist auch, dass es die Grundschrift zwar erlaubt, Buchstaben zu verbinden, den Kindern aber nicht erklärt wird, in welcher Art und Weise sie dies machen sollen. Wenn man diesen Umstand bedenkt, verlangt das Konzept der Grundschrift den Kindern mehr ab, als jenes der Schreibschrift, denn nun sollen sie selbst entscheiden, welche Buchstaben sie miteinander verbinden und wie. Früher war es die Aufgabe einer Lehrperson, den Schülern und Schülerinnen das Schreiben beizubringen, jetzt aber sollen sie dies gewissermaßen selbst erledigen – dies sei laut Ansicht mancher Bildungsforscher ein Fehler.

Schreibschrift – ja oder nein?

Soll die Schreibschrift nun weiter in den Schulen unterrichtet werden oder nicht? Ist das Schreiben mit der Hand tatsächlich eine wichtige Kulturtechnik oder ist es mittlerweile überflüssig? Wenn wir alle Zugang zu Tablets, Computer oder Smartphones haben – wieso sollen wir dann eine individuelle Handschrift entwickeln?

Es gibt schon seit Längerem verschiedene Ansichten zu diesem Thema. Künstler – besonders Schriftsteller – treten meist vehement gegen ein Abschaffen der Schreibschrift auf. Tatsächlich ist es so, dass die Entwicklung einer individuellen Handschrift ein kreativer Prozess ist. Aber gerade mit der Kreativität ist das immer so eine Sache, da sie bezüglich Wichtigkeit oft leicht von anderen Qualitäten überholt wird. Vor allem, wenn man alles tippen kann, wieso dann eine verschlungene Handschrift entwickeln? Für die Freunde einer solchen stellt auch der Computer eine Vielzahl an Schriften zur Auswahl …

Dass sich im Handschriftenbereich eine Form, die nur aus unverbundenen Buchstaben besteht, durchsetzt, ist nahezu ausgeschlossen. Der simple Grund: Eine derartige Schrift ist einfach viel zu langsam. Auch in den Schulen, in denen keine Schreibschrift mehr gelehrt wird, zeigt sich schon, dass Kinder nach einer gewissen Zeit automatisch dazu übergehen, die Buchstaben trotzdem zu verbinden. Aber wozu dann das Ganze? Dass die – teilweise wirklich altmodisch anmutenden – Schnörkel und Schlaufen aus der Volksschulschrift entfernt wurden, ist durchaus verständlich, aber deswegen muss man ja nicht gleich die Computerschrift aufs Papier kopieren. Warum nicht etwas dazwischen?

Es herrscht Uneinigkeit über den Grad der Änderung der Handschrift

Die vereinfachte Ausgangsschrift wäre ein solches Dazwischen gewesen. Doch kaum war diese eingeführt, wurden Argumente der Bildungswissenschaftler laut, wonach eine Verbundschrift für die Kinder zu kompliziert sei. Eine Grundschrift sei klarer in der Form und damit besser lesbar. Ausgangsschriften seien überholt und sogar schädlich für das Kind, hieß es bisweilen.
Angesichts der Tatsache, dass die Praxis des Schreibenlernens in Europa – und schon innerhalb Deutschlands – eine derart große Verschiedenheit aufweist, ist wohl davon auszugehen, dass sich momentan noch nicht sagen lässt, welcher Weg hier der beste ist.

Bald ein Relikt aus vergangener zeit? Die Schreibschrift wird nach und nach durch die Grundschrift ersetzt...

Bald ein Relikt aus vergangener Zeit? Die Schreibschrift wird nach und nach durch die Grundschrift ersetzt…

Stirbt die Schreibschrift aus? Wird das Tablet den Block ersetzen?

Ist das Lernen der Zukunft ausschließlich eines, das auf der Basis von Tastatur und Bildschirm funktioniert? Obwohl, eine richtige Tastatur brauchen wir mittlerweile auch schon fast nicht mehr … .
Derartige Diskussionspunkte gibt es viele und zwar nicht nur in Bezug auf die Handschrift. Mit ähnlichen Fragen beschäftigt sich auch das seit ein paar Jahren kursierende Gedankenspiel rund um das Aussterben des Buches.
Bis jetzt ist das Buch in Papierform geblieben. Wobei natürlich erwähnt werden muss, dass es auch die digitale Form des Buches gibt und dass dieser Bereich wachsen wird. Aber auch wenn die Zahl der E-Book-Leser steigt, wird das klassische Buch weiter existieren. Denn auch unter der jungen Generation gibt es solche und solche.Die junge Generation, die mit den digitalen Medien aufgewachsen ist, wendet sich jedoch keineswegs ausschließlich der neuesten Technik zu. Blickt man zum Beispiel in einen Hörsaal an der Universität, so wird eines klar. Etwa die Hälfte schreibt am Laptop mit, die andere Hälfte macht sich handschriftlich Notizen. Diejenigen, die mit der Hand schreiben, werden genauso einen Laptop besitzen, sie bevorzugen aber in einigen Situationen Papier und Stift. Jedenfalls jetzt noch.Zum heutigen Zeitpunkt kann wohl niemand sagen, ob die Handschrift eines Tages ausstirbt und falls ja, wann es soweit sein wird. Es kann aber auch gut sein, dass es ohnehin nie dazu kommt. Denn – nur weil etwas nicht mehr unbedingt zum Leben notwendig ist, muss das nicht gleich heißen, dass es verschwindet. Immerhin sehen die meisten Europäer – egal welchen Alters – Schreibschriften als eine wichtige Kulturtechnik an.

Dennoch: Wenn die Schulen aufhören, die Schreibschrift zu lehren, wird sie schneller verschwinden, als Sie entwickelt wurde… Und wer weiß, vielleicht wird ja dann die Handschrift für einige wenige, die sie beherrschen zu einem Geschäftsmodell oder  zu einem Service, den man dann in Anspruch nimmt, wenn man Ihn ausnahmsweise mal benötigt…