„Nachts schlafen die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach Hause gehen. Nachts schlafen sie immer.“ Mit diesen Worten erlöst ein alter Mann den kleinen Jungen in Wolfgang Borcherts gleichnamiger Kurzgeschichte, verfasst im Januar 1947. Noch in dem Jahr seiner Entstehung wird „Nachts schlafen die Ratten doch“, in Borcherts zweiter Prosasammlung veröffentlicht und wird zu einem der bekanntesten Werke deutscher Trümmerliteratur.

Nachts schlafen die Ratten doch

Mit „Nachts schlafen die Ratten doch“ schrieb Borchert eine Geschichte die zwar offen endet und so einen negativen Ausgang nicht ausschließt, aber doch Hoffnung zulässt.

Inhalt und Deutung von „Nachts schlafen die Ratten doch“

In einer durch Bomben zerstörten deutschen Stadt, am Ende des zweiten Weltkrieges, wacht der neunjährige Jürgen in den Trümmern eines Hauses. Zufällig begegnet ihm dabei ein alter Mann. Nach anfänglichem Zögern verrät der Junge den Grund seiner Tag und Nacht dauernden Wache und erzählt dem Alten, dass er den toten Körper seines kleinen Bruders, der in den Trümmern begraben liegt, vor den Ratten schützen will. Denn von seinem Lehrer weiß er, dass sie von den Toten essen. Mit der Behauptung „Nachts schlafen die Ratten doch“ nimmt der alte Mann sich der Situation des müden Jungen an. Er mildert die, dem Jungen, uneingeschränkt vermittelte Realität, und ermöglicht es ihm Abstand zu nehmen von dem Grauen, das ihn umgibt. Die Notlüge des Alten und das Versprechen, ein junges Kaninchen geschenkt zu bekommen, schaffen neben dem allgegenwärtigen Tod und Zerfall, wieder Raum für Leben und kindliche Freude in dem, vom Krieg geprägten, Bewusstsein des Jungen. Mit „Nachts schlafen die Ratten doch“ schrieb Wolfgang Borchert eine Geschichte die zwar offen endet und so einen negativen Ausgang nicht ausschließt, aber doch Hoffnung zulässt.

Wie die meisten von Borcherts Kurzgeschichten entstand „Nachts schlafen die Ratten doch“ in der Zeit kurz vor seinem Tod, wo ihn eine Lebererkrankung, die er sich im Kriegsverlauf zugezogen hatte, bereits ans Bett fesselte. Die Hoffnung und die wiedererwachende Lebensfreude des Jungen in der Geschichte scheinen Ausdruck des Lebenswillens Borcherts selbst.

Wolfang Borchert

Als bedeutender Vertreter deutscher Nachkriegs- und Trümmerliteratur, schuf Wolfgang Borchert (1921-1947) während seines kurzen Lebens, Gedichte und zahlreiche Kurzgeschichten die in vier Sammlungen veröffentlicht wurden.

  • Die Hundeblume, 1947
  • An diesem Dienstag, 1947 enthält „Nachts schlafen die Ratten doch“
  • Das Gesamtwerk, 1949
  • Die traurigen Geranien und andere Geschichten aus dem Nachlaß, 1961

Berühmt machte Borchert das Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“, mit dem sich weite Teile der deutschen Bevölkerung identifizierten und das einen Tag nach seinem Tod erstmals als Theaterstück uraufgeführt wurde.

Bild: Hugo Schmidt via wikipedia