Das Wort Daktylus ist abgeleitet vom griechischen Wort dáktylos, was so viel wie „Finger“ bedeutet. Als Daktylus bezeichnet man in der Verslehre einerseits eine bestimmte Form des Versfußes, nämlich diejenige metrische Einheit eines Verses, welche sich aus einer langen (schweren) und zwei kurzen (leichten) Silben zusammensetzt. Daher rührt auch die Bezeichnung „Finger“, denn der Daktylus besteht wie ein Finger aus einem langen und zwei kurzen Gliedern.

Im Deutschen gibt es zahlreiche Wörter, die dieses Versmaß in sich tragen, denn viele deutsche Wörter sind anfangsbetont. Beispiele dafür sind: Áutobahn, Klássenfahrt, Réisebus usw. Der Daktylus bezeichnet aber nicht nur einen Versfuß, sondern auch das Metrum, welches als Grundeinheit des Verses aus mindestens einem oder zwei Versfüßen besteht. Im daktylischen Vers selbst stellen jedoch häufig nur die am Anfang und in der Mitte befindlichen Wörter einen vollständigen Daktylus dar. Am Versende hingegen fehlen nicht selten eine oder zwei Silben, aber dennoch ist auch das Wort am Versende stets anfangsbetont. Ein Beispiel für einen daktylischen Vers findet sich in Friedrich Schillers Gedicht „Würde der Frauen“, das mit den folgenden Zeilen beginnt:

Éhret die Fráuen sie fléchten und wében
Hímmlische Rósen ins írdische Lében,
Fléchten der Líebe beglückendes Bánd,
Únd in der Grázie züchtigem Schléier
Nähren sie wáchsam das éwige Féuer
Schöner Gefühle mit héiliger Hánd.

Homer nutzte für seine Ilias Epos den Daktylus

Homer nutzte für seine Ilias Epos den Daktylus

Das vermutlich älteste Werk, das in daktylischen Versen verfasst wurde, ist die „Ilias“ des griechischen Dichters Homer, ein weltberühmtes Heldenepos, das den Trojanischen Krieg und den Zorn Achills besingt.

Der römische Dichter Quintus Ennius übernahm den Daktylus von den Griechen für seine Werk „Annales„, und auch Vergil verwendete dieses Versmaß für sein römisches Nationalepos „Aeneis“, wo er die Suche des trojanischen Helden Aeneas besingt, der auf der Suche nach einer neuen Heimat umherirrt, der Sage nach schließlich in Italien landet und zum Stammvater der Römer wird.

Das umgekehrte Versmaß des Daktylus ist der Anapäst – er besteht aus zwei kurzen und einer langen Silbe. Weitere Versmaße, die bereits seit der Antike in der Dichtkunst verwendet werden sind der Jambus und der Trochäus. Neueren Datums ist hingegen der aus dem französischen Sprachraum stammende Alexandriner, welcher in Deutschland vor allem während der Barockzeit in der Dichtung Verwendung fand.