In der Wirtschaftsgeschichte Mitteleuropas des 19. Jahrhunderts findet sich eine Phase ausgedehnten wirtschaftlichen Aufschwungs, die als die „Gründerzeit“ bezeichnet wird. Der Name Gründerzeit rührt daher, dass damals Unternehmensgründer schnell reich werden konnten. Sie begann mit der umfassenden Industrialisierung und dauerte bis zum großen Börsenkrach 1873 („Gründerkrach“).

Zeitliche Einordnung

Je nach Region begann der wirtschaftliche Aufschwung zu unterschiedlichen Zeiten, daher ist ein allgemeines Anfangsdatum nicht bestimmbar. Je nach Zusammenhang sind nur die letzten Jahre vor dem Börsenkrach gemeint, oder der Zeitraum von 1850 bis 1873 oder sogar 1850 bis 1914, letzteres kommt durch die umgangssprachliche Vermischung von Gründerzeitstil und Historismus zustande.

Wirtschaft

Die Eisenbahn war ein wichtiger Motor für die Wirtschaft

Die Eisenbahn war ein wichtiger Motor für die Wirtschaft

Es begann mit dem Ausbau der Eisenbahn. Das begünstigte nicht nur die großen Eisenbahnpioniere, sondern kurbelte auch durch die gestiegene Nachfrage von Stahl und Kohle weitere Wirtschaftszweige an, es entstanden auch Stahlimperien wie Krupp.

Die Eisenbahn vereinfachte den Transport und die Verteilung von Gütern und Waren, sodass die Massenproduktion auch in anderen Wirtschaftszweigen möglich wurde. Bedeutende Lebensmittelkonzerne der Gründerzeit bauten beispielsweise der Kaffeeröster Julius Meinl I. und der österreichische Bierbrauer Ignaz Mautner auf.

Die Industrialisierung nimmt fahrt auf

Die zunehmende Industrialisierung benötigte große Mengen an Arbeitskräften, sodass die unteren Schichten der Landbevölkerung massenhaft in die Städte abwanderten und dort zum entstehenden Proletariat beitrugen.

Aktiengesellschaften schossen wie Pilze aus dem Boden, und wer den Trend der Zeit erkannte und zu nutzen wusste, konnte einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg bewerkstelligen. Beispielsweise konnten es auch Menschen jüdischen Glaubens erstmals durch die neue Emanzipation zu Ansehen und Wohlstand bringen, wie beispielsweise das Bankhaus Rothschild, welches ein wichtiger Geldgeber für den Eisenbahnbau war.

Die Gründerkrise beendete den Wirtschaftsboom, der Wirtschaftsliberalismus wurde in der Folge durch Schutzzölle und Kontrollen eingeschränkt. Nicht nur viel Erspartes ging verloren, auch der Traum vom Reichtum und Aufstieg für alle war beendet.

Architektur und Stilrichtung

Heutzutage begegnet man dem Begriff Gründerzeit hauptsächlich im Zusammenhang mit Möbeln und Architektur. Während der Gründerzeit musste auch genügend Wohnraum für die neu in den Städten eintreffenden Menschenmassen geschaffen werden.

Ganze Straßenzüge und Stadtviertel wurden mit der typischen vier- bis sechsgeschossigen Blockrandbebauung mit reich dekorierten Fassaden in der Gründerzeit errichtet. Durch die Anlehnung der Dekoration an verschiedene historische Baustile spricht man auch vom Historismus.

Besonders beliebt – Möbel aus der Gründerzeit

Die Epoche der Gründerzeit steht für eine relativ große Vielzahl an neuen Formen in der Möbelherstellung, wobei diese als Zeitzeugen des zu dieser Zeit herrschenden Wohlstandes zu verstehen sind.

Typische Merkmale der Gründerzeitmöbel

Der deutlich spürbare wirtschaftliche Aufschwung in Österreich und Deutschland verhalf der Mittelschicht der Bevölkerung zu mehr Reichtum. Deshalb stieg der Wunsch des reichen Bürgertums nach pompösen Möbeln schlagartig an. Der Reichtum sollte sofort erkennbar sein, was sich durch aufwendige Details an den einzelnen Möbelstücken bemerkbar machte.

Echtholz musste es sein

Die typischen Gründerzeitmöbel wurden aus Echtholz (bevorzugt Eiche, Nussbaum und Kirschbaum) und in Handarbeit angefertigt und faszinieren Liebhaber bis heute. Ihre Einmaligkeit und zeitlose Schönheit verdanken die Gründerzeitmöbel vor allen Dingen den kleinen verspielten Details, zu denen die gedrechselten Beine, Kugelfüße, hochwertige Intarsien und beeindruckende Ornamente gehören. Ebenfalls zieren die echten Gründerzeitmöbel aufwendig gearbeitete Quasten, Häkelbordüren und Fransen, die als Verzierungen an den Möbelkanten angebracht wurden. Zu den klassischen Stilelementen der Gründerzeitmöbel zählen auch auffällige, mit stilvollen Elementen versehende Abschlusskronen und geschwungene Möbelbeine, die in einem dickeren Fuß enden.

Gleichbleibende Grundformen der Möbel aus der Gründerzeit

Beim ersten Betrachten wirken echte Möbel aus der Gründerzeit äußerst kantig und wuchtig in ihrer Form. Erst die aufwendigen Verzierungen und stilistischen Elemente lassen die einzelnen Möbelstücke so gemütlich und einladend wirken. Bedingt durch diese auffällig kantige Grundform lassen sich kaum kleinere Möbelstücke aus der Gründerzeit finden. Im Antiquitätenhandel werden Liebhabern dieser Möbel zum überwiegenden Teil große Möbel, wie Kommoden, Vitrinen, Anrichten oder Buffets finden, die zudem sehr hoch sind. Dadurch entsprechen diese Möbel dem typischen Stil der Gründerzeit, der sich im Bereich der Wohnkultur als voluminös und repräsentativ beschreiben lässt.

Wo können Liebhaber echte Möbel aus der Gründerzeit noch finden

Echte Gründerzeitmöbel gelten bis heute als lebendig gebliebene Zeitzeugen des ständig zunehmenden Wohlstandes zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie werden als Antiquitäten gehandelt, aber auch als „Imitate“ im Möbelhandel. Liebhaber dieser Möbel können auch auf Flohmärkten fündig werden, aber diese werden nur selten aufgearbeitet oder restauriert worden sein. Da sich Möbel aus der Gründerzeit hervorragend dazu eignen, einen oder mehrere Wohnräume sehr geschmackvoll und stilvoll einzurichten, sind diese auch sehr begehrt und kosten dementsprechend viel Geld. Diese Investition lohnt sich aber für Liebhaber fast immer, denn diese Möbelstücke sind trotz ihres Alters sehr robust und verlieren kaum etwas von ihrem Wert.