Die Allegorie ist von ihrer griechischen Wortbedeutung her, ein literarisches Stilmittel etwas in einer verschleiernden Sprache zu sagen und es dennoch nicht direkt ausgesprochen zu haben. Dieses Stilmittel der Allegorie nutzten die Griechen gerne in der Öffentlichkeit auf der sogenannten Agora, den öffentlichen Disputierplätzen, die es in allen griechischen Stadtstaaten gab. Die berühmteste Agora gab es in Athen und kann heute noch auf dem Arepag besichtigt werden. Eine Wandelhalle, in der alle wichtigen Themen debattiert wurden. Agora bedeutet so viel wie frei sprechen. Frei sprechen, ohne ein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen, geht das überhaupt? Muss nicht hier und dort auf gewisse Vorbehalte Rücksicht genommen werden?

Die Antike Redekunst

In der antiken Rhetorik gehörte das Einweisen und Erlernen der Allegorie zum substanziellen Bestandteil der öffentlichen Redekultur. Denn metaphorisch in Metaphern und Allegorien zu sprechen, war keine Sache reiner Intuition. Sondern muss genauso wie heute sachlich und grundlegend in Rhetorikschulen und in Rhetorikseminaren erlernt werden. Uneigentlich wird eigentlich über jemanden gesprochen. Demjenigen kann dies sehr wohl bewusst sein, aber in der Rede muss er es über sich ergehen lassen, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Wer hier an allegorische Reden in der Politik denkt, ist sicher kein Schelm. Aber diese Kunst beherrschen bis ins i-Tüpfelchens nur noch sehr wenig Politiker. Dieses Stilmittel aus den Tropen gilt eher als antiquiert und wird eher heiligmäßigen Schriften und Religionen überlassen.

Im neuen Testament findet man den Meister der Allegorien, Jesus von Nazareth.

Im neuen Testament findet man den Meister der Allegorien, Jesus von Nazareth.

„Ihr weiß getünchten Gräber!“

Auffallend und erschreckend ist der Verfall, um das Wissen von grundlegender Literatur in unserer Gesellschaft. Mars ist kein Kriegsgott mehr, sondern ein Schokoladenriegel. Abba ist selbstverständlich eine schwedische Popgruppe der 80er Jahre. Es ist keine Liebkosungsform für das Wort Vater aus dem Aramäischen. So wird schon bei zwei kleinen Beispielen deutlich, dass für das Stilmittel der Allegorie auch die Voraussetzung der Bildung und des Wissens gegeben sein muss. Allegorien können Wahrheiten ausdrücken, die sich der sprachlichen Ausdrucksweise sonst entziehen. Besonders das Judentum und das Christentum kennen bis heute die allegorische Auslegung ihrer Schriften. Das heißt, dass die Aussagen nicht wortwörtlich umgesetzt werden, sondern in ihrer tieferen Bildhaftigkeit erfasst und der jeweiligen Zeit angepasst, interpretiert werden. „Bundesbruch als Ehebruch“ finden wir im 3. Kapitel bei Jeremia (Jer 3,1-10). Hier wird die Ehe auf gleiche Stufe mit dem Bund Jahwes gestellt. Im Neuen Testament finden wir wohl den Meister der Allegorien in dem Begründer einer neuen Religion und Anlass der Zeitenwende: Jesus von Nazareth. Er nennt, ohne sie wirklich anzusprechen seine Gegner einfach in Allegorien „ihr weiß getünchten Gräber“, “ ihr Natterngezücht und Schlangenbrut“ (Mt 23,16ff). Welche hoheitlichen Prädikate für Gegner!?! Die Pharisäer malten mit Asche ihre Gesichter weiß an, wenn sie fasteten. Er stellte sie mit der Allegorie sogar bloß.