Oft gibt es in der Literaturwissenschaft von einem Text mehrere Fassungen. Ältere Fassungen oder erweitere Fassungen, veränderte Fassungen und oft ist der Verfasser nicht mehr dazu befragbar. Dann wird es schwierig richtig text- und literarkritisch mit der Vorlage, umgehen zu können. Da hilft eine Synopse, so wie in der Bibelforschung durch die historisch-kritische Methode angewandt.

Bei einer Synopse werden die verschiedenen Texte gemeinsamen Ursprungs in Spalten nebeneinander gedruckt. Das erspart schon die zusätzliche Arbeit, in mehreren Büchern die Vorlagen gleichzeitig nachschauen und vergleichen zu müssen. Die Literaturwissenschaft macht sich die Methode zunutze:

  • Texte gleichen Ursprungs
  • Texte mit thematisch gleichem Inhalt
  • Texte mit unterschiedlicher Herkunft
Die Literaturwissenschaft verwendet Synopsen, z.B. um Bearbeitungen vom Ursprungstext zu unterscheiden.

Die Literaturwissenschaft verwendet Synopsen z.B. um Bearbeitungen vom Ursprungstext zu unterscheiden.

auf inhaltliche Ähnlichkeiten, Themen und ihre Herkunft hin zu untersuchen. Ähnliches findet nicht nur in der Literaturwissenschaft, sondern auch im Bereich der bildenden Künste statt. Vor allem dort, wo Künstler wie am Fließband gearbeitet haben und es nicht immer genau unterscheidbar ist, ob Schüler, Schülerkreis oder gar Kopisten am Werk waren. Oft sind die Epigonen (nachgeborenen Werke) genauso gut, wenn nicht sogar besser als die Originale. Auch eine Film-Synopsis untersucht, ob das verarbeitete Thema schon einmal da war und wie es bisher in anderen Werken verarbeitet wurde.

Prognosen, Bewertungen und Kritik

Sowie die synoptische Meteorologie sich auf verschiedene Daten und Beobachtungen stützt, um eine einigermaßen gesicherte Prognose abgeben zu könne, so ist die Synopse in der Literaturwissenschaft ein Instrument, um zu sehen, wie und wo der Stoff schon in ähnlicher Weise vorgekommen ist. Dies lässt zu besseren Einschätzungen kommen, ob es sich um eine völlige Neubearbeitung des Stoffes handelt, oder die Vorlage allzu dicht und nah verwandt wurde. Letztlich bedeutet die Synopse eine wissenschaftlich belegbare Methode in der Literaturwissenschaft, die Texte kritisch beleuchten kann. Ein klassisches Beispiel dafür kann wohl in Goethes Faust und dem Urfaust gesehen werden.

Die Hermeneutik in der Literaturwissenschaft

Handbücher der Literaturwissenschaft nennen die Synopse auch der vergleichenden Literaturwissenschaft. In anderen Handbüchern taucht sie wieder auf als Komparatistik. Durch den Vergleich in der Literaturwissenschaft wird eine Annäherung an den Text ermöglicht. Der Text wird hermeneutisch erschlossen und gibt so Auskunft:

  1. über seine Entstehung
  2. das Motiv in der Literatur
  3. den kulturellen und weltanschaulichen Hintergrund
  4. Aufschlüsse durch die Biografie des Verfassers.

Eigenart, Bedeutung und verschiedene Lesarten treten zutage und lassen eine bessere Einordnung des Textes zu. Die in Spalten vergleichen nebeneinander gedruckte Texte sind meist farblich gedruckt, um mit den verschiedenen Farben deutlich zu machen, welche Textfragmente gemeinsamen Ursprung haben und identisch sind. Andere Farben kennzeichnen zusätzliche Quellen oder Unterschiede zum Urtext. Auch zum Aufdecken von Plagiaten wird diese Methode gerne verwendet.