„Die Geschichte ist wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt aus mir herausgekommen“ – so beschreibt Franz Kafka die Entstehung seiner Erzählung „Das Urteil“, die er laut Tagebucheintrag in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 zu Papier brachte. Acht Stunden, die nicht nur von Franz Kafka als Geburt seines ersten Werkes bezeichnet werden, sondern von vielen auch als Geburt des Literaten selbst.

Denn bis zu jener Nacht arbeitete Kafka in für ihn wenig zufriedenstellenden Bereichen und schrieb später Berichte, die zwar sein berufliches Schreiben förderten, doch eine zusammenhängende Geschichte brachte er nicht zustande. 1911 beklagt er sich noch über sein ständiges Misslingen, unwissend, dass im Jahr darauf „Das Urteil“ und später viele weitere surreale und oftmals düstere Geschichten wie „Die Verwandlung“ durch seine Hand entstehen würden.

Ein dominanter Vater

Wie die Hauptperson Georg in "Das Urteil" musste auch Franz Kafka unter dem dominanten Vaters leiden.

Wie die Hauptperson Georg in „Das Urteil“ musste auch Franz Kafka unter dem dominanten Vaters leiden.

„Das Urteil“ ist nicht nur Kafkas erstes, sondern auch sein meistinterpretiertes und zugleich das meistinterpretierte literarische Werk der Welt. Allein im deutschsprachigen Raum sind über 200 Deutungsversuche bekannt und es werden noch viele folgen, was zu einem großen Teil Kafka selbst zu verdanken ist: er schreibt Fräulein Felice B., der er „Das Urteil“ gewidmet hat, folgende Zeilen: „Findest Du im ‚Urteil‘ irgendeinen Sinn … Ich finde ihn nicht und kann auch nichts darin erklären.“

Die meisten Interpretationsversuche deuten „Das Urteil“ autobiographisch, denn wie die Hauptperson Georg hatte auch Kafka unter dem dominanten Verhalten seines Vaters zu leiden und schaffte sich durch dessen Beurteilung ein vermindertes Selbstbild, sodass er versuchte, sein unzufriedenstellendes Leben in seinen Werken zu verarbeiten.

„Auf unergründliche Weise bedrohlich“ …

… so erklärt der Duden das Adjektiv „kafkaesk„, das er 1973 in sein Verzeichnis aufnahm. Anfangs wurde das Wort nur bildungssprachlich benutzt, um eine Erzählung zu beschreiben, die wie Kafkas Werke absurde und düstere Züge besaß. Später wurde er auch außerliterarisch verwendet, beispielsweise für

  • die Machtlosigkeit gegenüber undurchsichtigen bürokratischen Mächten
  • Verrückte Situationen, die durch Auswegslosigkeit Verzweiflung hervorrufen
  • und bedrohlichen, düsteren und tragischen Vorkommnissen.

Als Beispiel das Ende des „Urteils“: Georgs Vater verurteilt ihn zum Tod durch Ertrinken, woraufhin dieser sich von der Brücke stürzt. Dass eine adjektivische Abwandlung seines Namens in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen ist, verdeutlicht, wie stark Franz Kafka mit seinen – nun – kafkaesken Geschichten wie dem berühmten „Prozess“ selbst unsere nicht literarische Welt beeinflusst.