Wenn ein Mann sich über Nacht in ein Ungeziefer verwandelt und versuchen muss, in dieser Gestalt zu leben, dann ist das kafkaesk. Wenn ein Mann sich mitten aus seinem erfolgreichen Leben heraus, kurz vor seiner Hochzeit nach einem Streit mit seinem bettlägerigen, ihn verfluchenden Vater in den Fluss stürzt und ertrinkt („Das Urteil“), dann ist das kafkaesk. Wenn ein Mann ohne Nennung von Gründen verhaftet wird, sich als schuldig dargestellt sieht und schließlich hingerichtet wird, ohne zu erfahren, wessen er angeklagt ist („Der Prozess“), auch dann ist das kafkaesk.

Kafkaesk sind diese Geschichten deshalb, weil Franz Kafka sie geschrieben hat. Zunächst waren es die Literaten, die diesen Begriff für Texte benutzten, die in der Art von Kafka geschrieben waren. In der Art von Kafka, das heißt dunkel, bedrohlich, unheimlich. Dafür hätte man das Wort „gespenstisch“ benutzen können. Doch Kafkas Romane sind mehr. Es sind unüberschaubare, groteske Situationen, denen der Protagonist hilflos ausgeliefert ist. Die Mächte, die Gründe agieren nicht als Gegenspieler, sondern bleiben nicht greifbar im Dunkeln.

Kafkaesk, das umschreibt skurrile Geschichten

Kafkaesk, das sind Menschen, die zu einem Ort gehen, aber nie ankommen, weil der Weg mit jedem Schritt länger wird.

Kafkaesk, das sind Menschen, die zu einem Ort gehen, aber nie ankommen, weil der Weg mit jedem Schritt länger wird.

Es steht für Menschen, die zu einem Ort gehen, aber nie ankommen, weil der Weg mit jedem Schritt länger wird. Es steht für kindliche Fiktion an der Grenze des guten Geschmacks. Das Spiel mit Kreiseln wechselt mit Nadeln, die Worte in Häute ritzen. Es steht für undenkbare Verwandlungen und Sätze ohne Zusammenhang.

Kafkaesk ist es, sich im nächtlichen Nebel zu verirren und erfolglos in Schleifen zu gehen. Kafkaesk ist es, wenn die Panik in einem aufsteigt, das Gleichungssystem könnte niemals lösbar sein. Es kann nur zwei Antworten haben: Wahnsinn oder Weisheit. Kafkaeskes begleitet die Träume und wirkt lächerlich nur bei Tag betrachtet. Es regt unsere Fantasie. Es kann keine rationale Erkenntnis geben. Es ist die vollkommene Assoziation, Irrationalität, düstere Kreativität. Es ist die Befreiung von Erklärungszwängen und gleichzeitig die größte Sehnsucht nach dem Erklärenwollen und Verstandenwerden. Es ist ein Wort für die Verzweiflung eines Liebenden und die emotionale Abhängigkeit eines freien Geistes. Es ist das gefundene Fressen für jeden Freudianer. Deutung des angeblich Unbewussten, Kindheitszwänge, Ängste, Urängste und noch mehr Angst.

Kafkaesk ist mehr als Kafka selbst. Es ist eine Pflanze, die über Kafka hinausgewachsen ist. Es ist das unbegreifliche Werk eines nicht einzuordnenden Künstlers. Es ist das Lösungswort zur Deutung von Kunst, die größer ist als wir. Wer etwas als kafkaesk bezeichnet, sagt damit auf hohem Niveau nur eins: „Ich habe es nicht verstanden, aber es macht mir Angst.“