Die Figur des Johann Wilhelm Möbius ist eine der zentralen Personen in Friedrich Dürrenmatts Groteske „Die Physiker“. Er gehört zu den drei titelgebenden Physikern, die in dem Irrenhaus „Les Cerisiers“ eingewiesen sind. Wie die beiden anderen Physiker ist auch er nicht wirklich verrückt, sondern gibt sich lediglich als geisteskrank aus.

Im Verlauf des Stückes stellt sich schnell heraus, dass Möbius die eigentliche Schlüsselfigur in Dürrenmatts Werk ist. Seine Anwesenheit in dem Sanatorium begründet zugleich die Anwesenheit der beiden anderen Physiker. Sie geben ihren Irrsinn nur mit dem Grund vor, Möbius ausspionieren zu können.

Möbius als Wissenschaftler

Unter den drei handelnden Insassen ist er der einzige, der sich unter seinem richtigen Namen ausgibt. Während die Agenten Ernesti und Beutler sich in die Identitäten von genialen Wissenschaftlern hinein fantasieren, um so ihren Aufenthalt in der Irrenanstalt zu rechtfertigen, kann Möbius dies nicht tun. In der Welt von „Die Physiker“ ist er der genialste lebende Wissenschaftler. Er hat die sogenannte „Weltformel“ entwickelt und ist damit im Stande die bisherige Wissenschaft zu revolutionieren und Erfindungen von nicht gekanntem Ausmaß zu entwickeln. Seine Genialität könnte sogar zu dem fatalsten aller möglichen Szenarien führen: Dem Untergang der Menschheit.

Möbius als Ethiker

Obwohl er der wissenschaftlich genialste Protagonist im Stück ist, zieht Möbius als einziger der drei Physiker fundamentale moralische Konsequenzen aus den Möglichkeiten, die die Wissenschaft bietet. Weil ihm das Unheil bewusst ist, das seine Wissenschaft auslösen kann, zieht er es vor, eine Geisteskrankheit zu simulieren, um so unschädlich für die Welt sein Dasein im Irrenhaus zu fristen.
Er glaubt inzwischen, dass Wissenschaft sich nicht ihrer selbst wegen immer weiter entwickeln darf, sondern dass der Erkenntnisgewinn der Wissenschaft seine Grenzen in der Verantwortung des Wissenschaftlers für die Gesellschaft findet. Konsequenterweise dürfen also gewisse Dinge nicht entwickelt werden, weil sie sonst nicht zurückzunehmen sind.
Seine Bereitschaft zur Aufopferung reicht aber noch viel weiter: Um seiner Familie den Schmerz über sein vermeintliches Schicksal zu erleichtern, gibt er vor, sie nicht mehr zu kennen.
Die Radikalität dieser Methode des Einzelkämpfers mündet schließlich im Mord an Schwester Monika, die er zwar liebt, die sein Schauspiel aber zu entlarven droht.

Möbius‘ Scheitern

Obwohl mit viel Überzeugung und Einsatzbereitschaft verfolgt, scheitert schließlich die Strategie von Möbius.
Sah es zunächst so aus, als könne er sich gegen die ihn umwerbenden Machtblöcke durchsetzen, und als sei das die Lösung für den Fortbestand der Menschheit, entpuppt sich sein gesamtes Unterfangen als zweck- und sinnlos. Die Anstaltsleiterin, die ihn austrickst und sich als wahrhaft Irre entpuppt, führt ihm und dem Zuschauer vor, dass es keine Beherrschbarkeit für einen Einzelkämpfer gibt. Nicht nur Möbius scheitert, sondern mit ihm die gesamte Moral.