Rhetorische Stilmittel sind probate Hilfsmittel, um Texten oder Argumenten Nachdruck zu verleihen und Aufmerksamkeit zu erregen. Unbewusst benutzen wir täglich beim Sprechen und Schreiben die verschiedensten Stilmittel. Im positiven Sinne kann der geneigte Zuhörer oder Leser damit verzaubert werden, im negativen sogar manipuliert. Denn viele politischen Pamphlete oder auch Versicherungswerbung stecken voller manipulativer Rhetorik, welche missbräuchlich Druck ausübt. Somit haben leider manche sprachlichen Stilmittel ein schlechtes Image.

So sollte man beispielsweise auch die Hyperbel nur dosiert anwenden, sonst erntet man eher „todmüdes“ (eine Hyperbel) Entgegnen und der gewollte Effekt geht verloren. Eine Hyperbel ist eine bewusste Übertreibung und fest in unserer Alltagsrhetorik integriert. Sehr oft meint man schon bei einem kleinen Hüngerchen: „Ich bin so hungrig, ich könnte ein ganzes Pferd verschlingen!“. So kann man seiner Aussage ironisierend den gewünschten Nachdruck verleihen.

Rhetorische Stilmittel werden zur Analyse (hinsichtlich Aufbau, Regeln und Struktur) und der Interpretation (Wiedergabe, Verstehen und Deutung) aller Textarten innerhalb der drei literarischen Hauptgattungen verwendet. Goethe beschrieb diese drei Gattungen 1819 so wunderbar, dass man den Geheimrat lieber selbst zu Wort kommen lassen sollte: „Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie, die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik und Drama.“ Rhetorik vereint die verschiedenen Stilmittel einer Sprache von A bis Z. Man kolportiert z.B. die Aussage einer berühmten Person, um seine eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Rhetorik erlaubt u.a. eine gewisse Spielerei, Über- oder Untertreibungen und Gleichnisse. Letztere findet man meist in einer Parabel.

Durch bestimmte Stilmittel kann man einem einzigen Satz vielfach verschiedene Bedeutung geben, ihn erneut beschreiben, Details hervorheben oder ändern. Worte können zum Teil schonungslos und provokant daher kommen. Worte können aber auch sanft, lyrisch und leise sein.

Anapher

Anaphern sind wahrlich ein feines Stilmittel.

Bei einer Anapher (aus dem Griechischen „die Rückbeziehung“ oder „das Zurückführen“) handelt es sich um die Wiederholung eines Wortes oder aufeinander folgender Wörter am Satz- oder Versanfang. Der Fokus richtet sich dabei konkret auf den Satzinhalt, weil dieser durch die Wiederholung eindringlich hervorgehoben und betont wird. Mit einer entsprechend akustischen Betonung erhält ein Rede durch eine Anapher eine feierliche, nahezu rituelle Prägung.

Drei Beispiele einer Anapher:
Einmal aus einer bekannten Ballade – Die Kraniche des Ibykus:
„Sieh da! Sieh da, Timotheus,
Die Kraniche des Ibykus!
(…) Was ist’s mit dem? Was kann er meinen?
Was ist’s mit diesem Kranichzug?“
Das 23-strophige Meisterwerk Schillers von 1797 ist übrigens nicht nur voll von Anaphern.

Aus der Werbung:
„Für die einen ist es Duplo,
für die anderen die längste Praline der Welt.“

Aber auch in religiösen Werken ist die Anapher zu finden:
„Wer liebt, ist geduldig und gütig.
Wer liebt, der ereifert sich nicht,
er prahlt nicht und spielt sich nicht auf.
Wer liebt, der verhält sich nicht taktlos,
er sucht nicht den eigenen Vorteil
und lässt sich nicht zum Zorn erregen.
Wer liebt, der trägt keinem etwas nach;
es freut ihn nicht, wenn einer Fehler macht,
sondern wenn er das Rechte tut.
Wer liebt, der gibt niemals jemand auf
in allem vertraut er und hofft er für ihn;
alles erträgt er mit großer Geduld.“
– Paulus, 1. Korintherbrief (Kap. 13, Vers 4 – 7)

Anaphern sind wahrlich ein feines Stilmittel! Übrigens sind in diesem Text noch mehr Anaphern, als die angegebenen, versteckt. Finden Sie sie heraus?