Ein Dramenfragment mit sozialkritischem Hintergrund

Woyzeck ist ein Dramenfragment von Georg Büchner, welches im Jahre 1913 in München uraufgeführt wurde. Es entstand als Trauerspiel in Büchners letzten Lebensmonaten im Winter 1836/1837 als im Milieu kleiner und armer Leute spielendes soziales Drama auf der Basis diverser historischer Akten zu einem authentischen Kriminalfall. Tatsächlich hatte am 21.6.1821 der Friseur Woyzeck seine Geliebte, die die Witwe eines Chirurgen war, erstochen. Büchner war bestrebt, den Mordfall aus der gesellschaftlichen Determinierung herzuleiten und somit nachzuweisen, daß das menschliche Dasein zwangsläufig von den sozialen Faktoren bestimmt wird, unter denen es stattfindet und abläuft.

Wer ist Woyzeck?

Die Woyzeck Interpretation geht davon aus, dass Büchner einen Menschen konstruiert hat, dessen physische Existenz stets am seidenen Faden hängt, ist er doch immerfort zahlreichen inneren und äußeren Gefährdungen und Bedrohungen ausgesetzt. Die Woyzeck Interpretation nimmt an, die innere Bedrohung ist seine labile Psyche und sein verwirrter Geisteszustand (manche Auslegungen der Woyzeck Interpretation meinen sogar, Indizien einer Geisteskrankheit Woyzecks in dem Stück zu finden). Die Woyzeck Interpretation beschreibt die äußeren Bedrohungen, die auf Woyzeck einstürmen, als noch weitaus vielfältiger und demütigender. So flirtet seine Geliebte Marie, mit der er gemeinsam ein Kind hat, mit dem Tambourmajor. Der Hauptmann, den Woyzeck rasieren muss, verhöhnt ihn und der Doktor missbraucht ihn als Versuchsperson, indem er ihn nur Erbsen essen lässt. Verschiedene Lesarten der Woyzeck-Interpretation gehen davon aus, dass Woyzeck erkennt, dass nur Geld allein das Leben der Menschen regiert und verzweifelt glaubt er sogar, dass die armen Leute selbst im Himmel, nach ihrem Tode, nur zu demütigender Sklavenarbeit heran gezogen werden. Als Woyzeck in seiner trübseligen Lage schließlich erfährt, daß Marie ihn mit dem Tambourmajor betrogen hat, er diesem in einem Ringkampf auch noch unterliegt, als er selbst bei seinem vertrauten Freund Andres weder Ruhe, noch Verständnis findet, erwächst aus dem Quell seiner Ohnmacht und Hilflosigkeit nunmehr Brutalität, so die Woyzeck Interpretation. Woyzeck tötet also Marie.

Drei mögliche Motive in der Woyzeck Interpretation

Der Blick in andere Welten: Interpretationsansätze deuten auch den Mord Woyzecks als Ausdrcuk seines Wunsches, aus der Gesellschaft auszubrechen.

Der Blick in andere Welten: Interpretationsansätze deuten auch den Mord Woyzecks als Ausdruck seines verzweifelten Wunsches, aus der Gesellschaft auszubrechen.

Warum hat er dies getan? Weshalb hat Woyzeck Marie, seine Geliebte und die Mutter seines Kindes, brutal getötet? Drei Motive kommen, so die Ansätze der Woyzeck Interpretation, für diesen, womöglich sogar im Affekt vollzogenen Tötungsakt in Frage.
Erstens: Die Geisteskrankheit oder geistige Verwirrtheit. Woyzeck hört Stimmen und ist nachhaltig einer einseitigen Ernährung ausgesetzt, zu der er sich vertraglich verpflichtet hat und die als Ursache von verschiedenen Mangelerscheinungen in Betracht käme. Eine solche Verwirrtheit oder sogar Geisteskrankheit könnte die Tötungshandlung hinreichend erklären.
Die Eifersucht auf den Tambourmajor, mit dem ihn seine Geliebte betrog, wäre, so die Woyzeck Interpretation, gleichfalls als ein starkes Motiv für den Mord akzeptabel, zumal Woyzeck von seiner sozialen Stellung her weit unter dem Tambourmajor steht und Marie finanziell nicht dasselbe bieten kann, was ihn noch zusätzlich entehrt, deklassiert und quält. Der Tambourmajor, der dies zur Genüge weiß, demütigt Woyzeck zudem öffentlich.
Das dritte Motiv, so die Woyzeck Interpretation, wäre die Flucht aus einer Gesellschaft, in der die kleinen Leute keine Chance haben, sondern nur getreten, gedemütigt und gequält werden. Dem Elendsdasein in einer solchen barbarischen und verrohten Gesellschaft will er weder sich selbst, noch die Geliebte aussetzen. Indem er Marie tötet, das Liebste, was er hat, tötet Woyzeck sich selbst. Ohnehin weiß er, daß er für diesen Mord mit dem Tode bestraft werden wird. So hat er das Letzte und Konsequenteste getan, wozu er noch imstande war und mit diesem verzweifelten Akt, der die Auswegslosigkeit der Situation verdeutlicht, endet das Drama.