Wenn es ein Thema gibt, dass immer wieder die Gemüter erregt, dann das deutsche Schul- und Bildungssystem. Immer weniger Schüler können mithalten, wenn es um das Erreichen von Lernzielen geht. Gleichzeitig steigen die Ansprüche an den Schulen und kaum Siebzehnjährige Abiturienten sollen sich für eine berufliche Zukunft entscheiden. Doch damit die Noten stimmen und überhaupt eine Auswahl zwischen verschieden Perspektiven möglich ist, müssen immer mehr Schüler Nachhilfe in Anspruch nehmen.

Nachhilfe gehört zu den häufigsten Terminen von Schülern am Nachmittag

Fußball spielen, Schwimmen gehen oder einfach nur Musik hören? Viele Schüler können von derartigen Freizeitvergnügungen nur träumen. Stattdessen müssen sie nach der Schule weiter lernen, um den Stoff zu verstehen und bei den Klassenarbeiten die nötigen Leistungen zu bringen.
Einige Daten und Fakten zum Thema Nachhilfe:

  • Mehr als 30 Prozent der deutschen Schüler sind während ihrer Schulzeit auf Nachhilfe angewiesen.
  • Etwa 1,5 Milliarden Euro geben Familien pro Jahr für Nachhilfe aus.
  • Mathe Nachhilfe wird besonders oft in Anspruch genommen.
  • Am häufigsten sind Schüler der neunten Klasse auf Nachhilfe-Unterricht angewiesen.
  • 20 Prozent der Schüler, die Nachhilfe bekommen, erhalten diese bei Nachhilfeinstituten.
  • Die häufigsten Gründe für die Inanspruchnahme von Nachhilfe sind die Verbesserung der Noten und die gezielte Vorbereitung auf die Klassenarbeiten.

Die Daten beweisen, dass viele Schüler unabhängig von der jeweiligen Schulform auf Nachhilfestunden angewiesen sind, um in der Schule mithalten zu können. Der Unterricht alleine ist nicht ausreichend, um den Anforderungen gerecht werden zu können. Zum anderen geben Eltern immer mehr Geld aus, um ihre Kinder zu unterstützen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Schüler aus sozial schwachen Familien mit geringem Einkommen haben einen entscheidenden Nachteil, weil sie nicht außerhalb der Schule gefördert werden können. Sie fallen durch das Raster und müssen häufiger Klassen wiederholen, die Schulform wechseln oder gar die Schule ohne Abschluss verlassen. Diese Entwicklung ist alarmierend und steht im Widerspruch zum Versprechen der Politiker, nach dem Pisa-Schock die Bildungschancen für alle Kinder zu verbessern und die Qualität des deutschen Schulsystems optimieren zu wollen. Zudem stellt sich die Frage, warum deutsche Lehrer es nicht schaffen, Inhalte so zu vermitteln, dass die Schüler sie auch verstehen und umsetzen können. Gerade im Fach Mathematik ist das besonders wichtig.

Warum haben deutsche Schüler gerade in naturwissenschaftlichen Fächern so viele Defizite?

Mathematik scheint Schülern aller Klassenstufen besonders schwer zu fallen. Darum ist Mathe-Nachhilfe so gefragt. Doch woran kann das liegen? Wohl kaum daran, dass deutsche Kinder dümmer oder fauler sind als andere europäische Schüler, die ebenso häufig fernsehen, im Netz surfen oder Computerspiele spielen. Die Vermutung drängt sich auf, dass es am Schulsystem und an den Unterrichtsmethoden liegt. Im europäischen Vergleich setzt allein Deutschland auf ein dreigliedriges Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Auch wenn beispielsweise Nordrhein-Westfalen sich positive Effekte von den Gesamtschulen erhofft, an denen Kinder auf unterschiedlichen Leistungsniveaus länger zusammen lernen. So halten die meisten Bundesländer, allen voran Bayern, an der konsequenten Dreiteilung fest. Das kann niemand verbieten, denn Bildung ist in Deutschland eine Sache der einzelnen Länder. Möglicherweise ist genau das ein Problem. In anderen Staaten Europas werden Bildungsangelegenheiten zentral geregelt und somit vereinfacht. Ein einheitliches System hat den Vorteil, dass sich Leistungen viel besser vergleichen lassen und Schüler wie auch Lehrer und Eltern sich besser zurecht finden.

Die Lernmethoden im kalten Norden

Während sich in deutschen Klassenträumen nach der vierten Klasse „die Spreu vom Weizen trennt“, lernen in skandinavischen Ländern alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft, ihren Leistungen und ihrem sozialen Hintergrund zusammen. Niemand wird aussortiert – auch Kinder mit Behinderungen oder Auffälligkeiten nicht. Die Klassen sind klein und die Lehrer sind dafür verantwortlich, dass jedes Kind die Förderung erhält, die es braucht. Dabei spielen Noten bis zur Mittelstufe überhaupt keine Rolle. Vielmehr geht es darum, individuelle Lernfortschritte zu machen und die eigenen Kompetenzen kennenzulernen und zu stärken. Der Unterricht ist methodisch völlig anders aufgebaut als in Deutschland. Längst hat man erkannt, dass sich mathematische Formeln und komplexe Zusammenhänge nicht durch Frontalunterricht vermitteln lassen. Stattdessen setzen die Lehrer auf moderne Sozialformen wie Gruppenarbeit und nutzen neue Medien, um den Lernerfolg sicherzustellen und die Schüler zu motivieren. Die Schüler werden aktiv und setzen sich damit auseinander wie sie am besten lernen können. Dabei werden beispielsweise unterschiedliche Lerntypen berücksichtigt. Auch der soziale Aspekt spielt eine große Rolle: Gerade im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich profitieren Schüler davon, wenn sie sich gegenseitig beim Lernen unterstützen. Die Ergebnisse der Leistungsüberprüfungen fallen dementsprechend besser aus.

In Skandinavien ist der Lehrer verantwortlich, wenn Schüler Probleme haben

Unterrichten dürfen nur die qualifiziertesten und motiviertesten Studenten: Lehrer sind sehr angesehen in Skandinavien und verdienen gut. Dafür müssen sich sich auch nach ihrem Studium regelmäßig fortbilden und werden selbst oft von einer externen Behörde geprüft. Das wirkt sich positiv auf die Qualität des Unterrichts aus. Denn wenn seine Schüler nicht mithalten können, fällt das in Skandinavien auf den Lehrer zurück. Außerschulische Nachhilfe wird dort nicht angeboten: Rechnen lernen die Kinder in der Schule und nirgendwo sonst. Das entlastet die Eltern enorm, ebenso die Schüler selbst, weil sie weniger unter Druck stehen. Wenn es Probleme gibt, so sorgen die Lehrer dafür, dass entsprechende Maßnahmen zur Förderung am Nachmittag angeboten werden. Ohnehin gibt es in Schweden, Finnland und Norwegen ausschließlich Ganztagsschulen. Nach dem Unterricht können die Schüler an Arbeitsgemeinschaften teilnehmen oder Sport treiben – die Eltern müssen also weder den Beitrag für den Fußballverein noch die teuren Nachhilfestunden bezahlen.

Gute Bildung kostet Geld

Bildung und schulische Erfolge gibt es nicht zum Nulltarif Was logisch klingt, hat sich in Deutschland noch nicht durchgesetzt. Gerade einmal ein Drittel des Betrages, den skandinavische Länder in die Schulen investieren, wird in Deutschland für den gleichen Zweck bereitgestellt. Und genau diese Tatsache machen sich private Nachhilfeagenturen zu Nutze. Sie verdienen viel Geld mit dem, was eigentlich die Schulen leisten müssen. Nicht die Schüler müssen sich ändern, sondern das gesamte deutsche Bildungssystem von der Grundschule bis zur Universität.

 

Bildquelle: Bigstock-ID: 74594143 by alexraths